Buchtipp – Stefan Kutzenberger: Friedinger

„Friedinger“ ist Stefan Kutzenbergers erster Roman.

Wer den Autor Stefan Kutzenberger näher kennen lernen möchte, sollte das Buch lesen. „Friedinger“ gehört zu jenem Genre, bei dem sich um eine scheinbare Autobiographie eine Handlung spinnt. Wobei Fiktion und eben Autobiographie für den Leser oft schwer zu trennen sind. Der Protagonist des Buches „Stefan Kutzenberger“ macht auch kein Hehl daraus, dass Autoren wie Kermani, Knausgard, oder Emanuel Carrére seine Vorbilder sind.

Der Autor Stefan Kutzenberger

Der Plot ist schnell erzählt.

Der (Anti-)Held des Buches nimmt sich eine Auszeit, um endlich seinen ersten Roman zu „beenden“, d.h. endlich einmal zu beginnen und wird dabei von seiner Frau unterstützt, indem sie ihm eine Reise in ein abgeschiedenes Nest auf Kreta finanziert. Dort gerät Kutzenberger unweigerlich in eine Venusfalle, verkörpert durch eine 15 Jahre jüngere französische Rucksacktouristin, der er völlig irritiert auf einem FKK-Gelände hinterherhechelt. Der Showdown besteht darin, dass Stefan im Vollrausch das Zelt seiner Angebeteten völlig mit Kot und Kotze besudelt.

Ein zweiter Erzählstrang ist schon eher zum Fiktionalen zu zählen. In einer Taverne trifft Kutzenberger Friedinger, einen pensionierten ehemals hochrangigen Voest-Angestellten und wie er Linzer. Während biergetränkten Stunden berichtet Friedinger über Morde und Morddrohungen wegen eines alten Waffenschieberskandales aus den 70er Jahren, in den er, Friedinger, unabsichtlich verwickelt war und der ihn jetzt einholt. Schriftstellerisches Interesse veranlasst Kutzenberger, Friedinger nach dem Urlaub in Linz zu besuchen.

Der Kriminalfall ist zwar noch nicht ganz gelöst, die Polizei ist aber nahe dran. Nach unzähligen Bieren sind sich die beiden jedoch einig, dass alles eigentlich nicht so interessant sei und schon gar kein Grund, einen Roman darüber zu schreiben. Ein uneheliches Kind, um das sich Friedinger nie gekümmert hat, die erzürnte Ehefrau Kutzenbergers, der er am Ende nachweint und ein verschwunden geglaubtes Klimtgemälde, das plötzlich im Schlafzimmer eines ehemaligen Schulkollegen Friedingers auftaucht, runden den Roman ab.

Klingt alles eher unsympathisch und nicht sehr spannend.

Richtig. Trotzdem fasziniert so viel groteske Selbstironie beim Lesen. Man fragt sich, in welchen Kontext man „Friedinger“ stellen muss. Knausgard ist noch nach Jahrzehnten gekränkt, dass ihm sein Bruder seine erste Freundin ausgespannt hat und Emanuel Carrére erzählt seitenlang von seiner absurden Eifersucht gegenüber seiner jungen Freundin, dass selbst der Leser peinlich berührt ist. Entspricht die Fäkalienszene im Zelt der jungen Französin tatsächlich der Realität, dann toppt Kutzenberger mit „Kutzenberger“ alles. Bleibt die Frage, was ist Fiktion und was hat sich im spätpubertären Leben unseres Schriftstellers bzw. Romanhelden wirklich abgespielt. Und erfahren seine Frau und seine Kinder (hat er Familie?) alles aus dem Erstlingswerk von Gatte und Vater? Das Buch ist gut.

Wolfgang Posautz

„Friedinger“ kostet 22,70 Euro und ist bei Deuticke erschienen.

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